Unsere Abenteuer in der östlichen Ägäis... (Segeln in den Dodekanes...von Chios nach Marmaris)


 

Es ist Sonnabend Vormittag (12.10.2019) und wir sind kaum einen Tag in Chios als sich abzeichnet, dass wir entgegen den Informationen aus unserem Hafenführer, keine Motorreperatur in Chios bekommen. Zudem sagt der Wetterbericht, dass der Wind für die nächsten Tage etwas auffrischt und in den Hafen bzw. uns gegen die Kaimauer drückt. Ein schöner Nordwind eigentlich, der uns optimal nach Marmaris bringen könnte. Wenn wir denn irgendwie aus dem Hafen gelangen können. Um 17 Uhr soll der Wind für zwei kurze Stunde um ein paar Knoten sinken, um dann für mehrere Tage aufzufrischen. Wir müssen schnell handeln und entscheiden uns, zu proviantieren und Benzin (für den Außenborder), Wasser sowie Gas (beide Flaschen leer) zu bunkern. Um 16:30 flaut tatsächlich der Wind ab und dreht sogar leicht zu unseren Gunsten.

Caro macht klar Schiff und wir ziehen unser Boot noch an der Kaimauer gegen den Wind, um mehr "Startbahn" zubekommen. Das kann man eigentlich nur verstehen wenn man es gesehen hat. Wir liegen längs an der Kaimauer und 20 Meter vor uns liegt eine große Yacht mit dem Heck zur Kaimauer. Unser Außenborder ist an der Badeleiter montiert und somit strömt das Wasser im Stillstand nicht am Steuerruder vorbei (die Schraube ist hinter dem Steuer). Dadurch hat das Boot ohne Fahrt keine Steuerwirkung, man kann im Stillstand nicht drehen. Folglich müssen wir erst eine Mindestgeschwindigkeit haben, um von der Kaimauer weg zu kommen und gegen den Wind drehen zu können. Natürlich werden wir beim Ablegen den Bug von der Kaimauer abstoßen und natürlich hat unsere kaputte Bugstrahlruderbatterie auch noch Einfluß (unser Bugstrahler läuft eigentlich nur über die Lichtmaschine des Hauptmotors, der aber nun blockiert ist, und hat eine schwache Batterie die vielleicht 10 Sekunden Strom liefern kann ...). Trotzdem muss das Boot mit dem Ruder gedreht werden. Was noch schlimmer ist, wir haben keinen Rückwärtsgang und können das Boot nicht stoppen. Sollte uns eine Böje gegen die Kaimauer drücken, werden wir womöglich langsam aber sicher in die vor uns liegende Yacht gleiten (ich hoffe, unsere Nachbarn werden uns dann mit einem Tau bremsen). All dies spielt sich in unseren Köpfen, vor allem meinem, ab...

Wir haben bereits mit der Port Autority gesprochen und man gibt uns grünes Licht, insofern wir uns kurz vorher über Kanel 12 melden. Um 17:30 Uhr ist der Zeitpunkt gekommen, doch unser Hauptfunkgerät will nicht mehr senden (Sind hier höhere Naturgewalten gegen uns? Oder liegt ein Fluch liegt auf unserer Unternehmung?). Das Handfunkgerät hat auch nur leere Batterien (seit Monaten ungenutzt), aber ich finde noch 5 Batterien in anderen Geräten und dies genügt – komischerweise - für eine Meldung beim Hafen. Wir bekommen grünes Licht für die nächsten 15 Miunten, kein Gegenverkehr und keine Fähren und man wünscht uns sehr herzlich eine gute Reise. Wir freuen uns und unser Adrenalinspiegel sinkt etwas unter den Sättigungszustand ab...

Drei Nachbarn stoßen unseren Bug ab, unser Außenborder läuft auf Hochtouren und ich drücke das Bugstrahlruder....in der Hektik klemmt die dicke Landleine am Heck und läßt uns nicht los, der Außenborder geht aus und kurze Zeit erlöscht bei mir jeder Funken von Hoffnung (habe ich bereits die gesamte Bugstrahlruderbatterie umsonst verpfeffert?)....Der Benzinhahn am Außenborder war geschlossen....Wir lösen die Heckleine und starten den Außenborder erneut ....Ich renne zum Bug und stelle mich zum Kai und stoße uns ab...Das Steuer im Anschlag und nun zurück zum Steuerstand...Caro zieht alle Leinen aus dem Wasser (beinahe wäre noch eine in den Propeller gekommen)....Dies alles spielt sich innerhalb von einer Minute ab. Und tatsächlich, Poseidon will uns nicht länger quälen. Wir nehmen Fahrt auf. Die gefürchtete Böje kommt nicht und wir schaffen die Wende und stehen im Wind ...Endlich!

Mit 0,5 Knoten fahren wir direkt gegen den Wind und kommen langsam voran, etwa auf Höhe des Hafenausgangs ziehen wir ca. 10 Minuten später ein Stück Genua und segeln mit Halbwind und 3 Knoten gemütlich mit der Sonne im Rücken aus dem Hafen...

Zum Glück haben wir eine redundante Solarelektrik (zwei getrennte Laderegler und Kreise) und können alle Handys und Batterien auch ohne Motor laden... Nur der Kühlschrank muss sich nun hinten anstellen... Es gibt lauwarme H-Milch und Kornflakes ... Am ersten Abend essen wir schnell noch alles auf was schlecht werden könnte und noch kalt ist (am Hafen haben wir alle Bordbatterien voll geladen, aber die brauchen wir noch für unsere Reise...Man weiß ja nie).

Um kurz nach 18 Uhr drehen wir nach Süden und ziehen die gesamte Genua bei 15 Knoten im Rücken. Wir gleiten mit den Wellen (die auch nach Süden gehen) und knapp 6 Knoten unserem Ziel entgegen. Ein Glückgefühl breitet sich in uns aus. Erneut prüfen wir den Wetterbericht. Alles optimal für die nächsten 5 Tage.

 

Die Karte dokumentiert den Reiseverlauf des folgenden Berichts (an den grünen Stellen musste wir, bedingt durch die Flaute, einige Zeit verbringen)....zum Vergrößern einfach auf die Karte klicken...

 

Nach zwei Stunden haben wir den Bereich der Insel Chios verlassen und befinden uns auf Kurs, ca. 170° in Richtung der Passage zwischen Ikaria und Samos. Leider haben wir keine Informationen zu den Strömungen im Eingangsbereich der Inselgruppe und halten uns mittig, um etwas Spiel in beide Richtungen zu haben. Um zwei Uhr morgens, einen Kaffee und einen Liter Cola später, befinden wir uns vor der Durchfahrt und der Wind flaut ab..Leider bleibt die Welle stark und so müssen wir kreuzen damit die Genua nicht dauernd mit den rollenden Bewegungen einfällt. Kurz bergen wir die Genua und setzen das Groß an der Relingschiene fest. Dies funktioniert eine Weile (der Baum ist fest) aber auch das Groß schlägt bei der Rollbewegung. Wir bergen das Groß und gehen auf Halbwindkurz mit einer straffen Genua nach Osten. 2 Knoten bei ca. 5 Knoten Wind. Nicht das erste Mal frage ich mich, wo der versprochene Wind ist? Endlich...um 3:30 Uhr trägt uns der Nordwind in die Dodekanes und nun kommt langsam aber sicher der Düseneffekt.

Um 4:00 Uhr haben wir schon wieder 4 Knoten und Caro übernimmt die Schicht. Eine Stunde später weckt Sie mich, weil wir bereits 7.8 Knoten fahren und der Wind weiter zunimmt. Für mich fühlt sich alles entspannt an, aber Caro ist mal wieder Schisser und glaubt wir fahren mit Lichtgeschwindigkeit. Wir reffen die Genua schrittweise auf die Hälfte ein während wir weiter auf den Engpunkt der Düsse (zwischen Samos und Fournoi) zufahren. Ich übernehme wieder. Caro überlässt mir den Spaß, mal etwas schneller zu segeln gerne und legt sich unter Deck noch ein wenig hin. Zum Glück schlafen die Kinder oder sind zumindest (noch) ruhig. Mit Minigenua und 6 Knoten werden wir durch die Düse geschoben (30 Knoten in der Spitze, vor dem Wind aber sehr angenehm). Ein kleines Video aus was in Morgenstunden entstanden ist...

Nach zwei Stunden ist alles vorbei und wir gleiten mit knapp 4 Knoten bei voll offener Genua Richtung Süden.

Wir befinden uns östlich der langen Inselgruppe (Arki, Lipso, Kalolimnos) auf Richtung Kos und müssen noch nach Westen wechseln, um nicht hinter Kos noch gegen den Wind kreuzen zu müssen (mit unserer Crewkonstellation versuchen wir mit ein paar Wenden bzw. Halsen pro Tag auszukommen) . Außerdem rechnen wir mit einem Windschatten hinter Kos und so entscheiden wir uns für die Außenroute.

Wir setzen das Groß da der Wind weiter abflaut. Kurz hinter Leipso halsen wir nach Westen und Caro übernimmt, ich lege mich endlich hin und zwei Stunden später erwache ich im Südwesten der Inselgruppe. Die Kids beschäftigen sich wunderbar selber und Caro segelt uns an die südliche Spitze von Kalimos. Dort tauschen wir wieder. Bei gutem Wind erreichen wir am späten Abend den südlichen Zipfel von Kos. Dessen Strömung uns kurze Zeit stark ansaugt. Das Groß hatten wir bereits geborgen und ich bin drauf und dran, es wieder zu setzen um gegen die Strömung etwas mehr Unterstützung zu haben. Aber es funktioniert (Caro ist optimistischer und behält recht) auch so. Wir passieren Kos und setzen Kurs auf Nisiros.

Wir segeln zu dicht unter Kos ostwärts und geraten in einen Windschatten, aus dem wir uns nur mit dem Außenborder befreien können (wir wollen nicht unnütz noch Stunden auf der Stelle treiben).

Wir befinden uns östlich von Krikelios und müssen irgendwann die Inselgruppe nach Osten kreuzen, um nach Marmaris segel zu können. Wir entscheiden uns, hinter Nisiros abzubiegen. Leider erwischen wir wieder einen Windschatten obwohl wir die Abstände diesmal deutlich größer halten. Die Erfahrung mit Abdeckungen, Inselformen und Fallwinden müssen wir erst noch öfter machen, um die Situationen besser einzuschätzen.

Es ist ca. 2 Uhr Nachts, ich habe Schicht und wir bewegen uns keinen Meter von der Stelle. Ich entschließe mich mit 30 Minuten Weckabständen, ein wenig Nachtruhe zu genießen. Caro, die ich dazu verdonnert habe, mit mir an Deck zu bleiben, kann bei den leichten Wellen nicht schlafen aber mein Körper würde selbst unter Wasser nicht aufwachen. Zwei bis drei Stunden später sitzen wir noch immer am selben Fleck (als wenn wir einen Anker geworfen hätten) und nun haben wir die "Schn..." voll und starten den Außenborder. Die Strecke an der Insel ist jedoch ca. 5 Sm lang, weswegen ich diese Option eigentlich verworfen hatte (2,5 Stunden Außenborderlärm ....). Wir fahren mehr schlecht als recht und ziehen einen Bogen nach Süden. Nach einer Stunde kommen wir etwas aus dem Windschatten und als der Morgen dämmert haben wir irgendwie wieder Wind im Segel.

In der Nacht hatten wir unseren Roaming Hotspot am Konverter geladen, aber vergessen den Standby auszuschalten. Der Konverter hat daher fast eine ganze Bordbatterie leergesaugt. Die Sonne geht auf und die beiden Solarzellen geben ihr Bestes. Wir schalten noch das Sonar ab und 1-2 unnütze Verbraucher (AIS am Tage ist unnötig).

Ein kleines Video mit Insel Tilos im Hintergrund und Rhodos im Nebel steuerbord voraus. 

Der Wetterbericht erzeugt Hoffnung, der Wind soll zunehmen und optimal für uns drehen. Es drückt uns mit 3-4 Knoten nach Osten in Richtung Marmaris. Wir zählen die Stunden. Um ca. 17 Uhr passieren wir den südlichen Zipfel von Simi. Um uns tummeln sich die Fische und springen freudig aus dem Wasser (trotz 170m Tiefe) und wir werfen mal wieder unsere Schleppangel. Wir fangen fast eine Möve (die unseren Köder für echt hält), aber leider keinen Fisch.

Der Schlafentzug ist anstrengend, aber die Glückshormone auf der Zielgerade nehmen stündlich zu. Wir sehen Rhodos im Nebel der Abenddämmerung und nun kommt die nächste große Hürde. Die Kinder schlafen schon wieder als wir nach Norden halsen. Ernsti hat auch noch angeküündigt, dass er morgen ausrastet, wenn er nicht wieder festen Boden unter den Füssen hat und auch Käthe deutet langsam an, dass sie gern mal Landgang hätte. Wir tun unser Bestes unter den gegebenen Umständen. Wir halten ordentlich Abstand zur Landabdeckung und Caro segelt uns ein paar Stunden nach Nordosten. Dann ein Wirbel und wir drehen uns auf der Stelle. Caro wütend und ich kann mal wieder mental mit der Situation nicht umgehen. Wir sind trotz Zielgerade mal wieder über unsere Grenze gegangen. Eine Stunde später steuere ich wieder etwas nach Norden bis wir uns schließlich nur noch 7 Seemeilen von der Einfahrt nach Marmaris befinden. Caro gewinnt wieder Mut und zusammen versuchen wir uns nun am letzten Stück dieser Passage.

Es ist zwei Uhr nachts und wir werden von der Passage abgewiesen. Der Wind bläst uns direkt entgegen und wir kommen mit dem Groß + Außenborder nicht rein. Die Genua kann man nicht so dicht holen (im Groß fehlen fast alle Segellatten) und so können wir nicht auf die Zufahrt kreuzen.

Wir versuchen erneut und erneut und erneut und jedesmal reißt bei 3 sm irgendwo der Wind ab und wir Wenden ohne es zu wollen. Die Strömung kommt leider auch mit ca. 3 Knoten aus der Bucht und treibt uns umgehend zurück an unsere Startposition.

Ich breche die Versuche ab und lege mich schlafen. Auch Caro versucht unter Deck zu schlafen, kommt aber aufgrund der Wellen und der ganze Geräusche und der Wut darüber, dass wir einfach nicht weiter kommen, nicht wirklich zur Ruhe. Irgendwann weckt mich Caro und überredet mich, es erneut zu versuchen. Caro macht Frühstück und ich bereite unseren nächsten "Angriff" vor. Es wäre doch gelacht, wenn wir diese letzte Hürde jetzt nicht auch noch bezwingen. Oder sollten wir uns doch in die Bucht schleppen lassen? Wir sehen einige Fischer und Segler und hoffen, dass uns vielleicht einer reinziehen kann. Aber niemand reagiert auf unser Winken, alle haben etwas anderes zu tun. So beschließen wir, einen letzten Versuch zu wagen, wir holen die Genua raus und ziehen sie so dicht wie nie zuvor. So wollen wir die Nordostseite der Einfahrt erreichen. Leider reißt erneut der Wind ab und nach drei Stunden sind wir kaum näher gekommen.

Wir greifen zum Handy und telefonieren uns von Hafen zu Hafen, um einen guten Preis für einen Hafenplatz und einen Abschleppdienst zu ergattern, der uns nicht gleich komplett ausplündert. Um ca. 11 Uhr haben wir Heiri +90(0)5334135585 an der Strippe, der uns für 150€ in die Bucht ziehen will. Er macht sich mit seinem Boot auf den Weg.

Caro ist das Warten zu langweilig und auch ist sie sich nicht sicher, ob er wirklich alles genau verstanden hat und unsere Position genau kennt. Sie will's nochmal versuchen.

Wir setzen Groß und Genua und tanken vorher den Außenborder randvoll .. nach 30 Minuten haben wir 2.2 Knoten und laufen direkt auf die Bucht zu, die Wellen haben abgenommen, die Strömung geht nun scheinbar zurück in die Bucht und der Propeller des Außenborders wippt nun nicht mehr aus dem Wasser...zudem dreht der Wind weiter (entgegen den Infos die wir kurz vorher aus Windy bekommen haben)....20 Minuten später schalten wir den Außenborder ab und segeln mit 3.9 Knoten direkt auf die Bucht zu....wir verfluchen das Wetter und hoffen, dass uns Heiri nicht findet (Scherz)...wobei noch eine Engstelle vor uns liegt und man nie wissen kann wie dort der Wind weht...

Noch 20 Minuten später ist Heiri da....er fährt längsseits vorbei, ist sehr freundlich und holt seine zwei Schleppangeln ein....dann holen wir die Segel ein, befestigen eine lange Landleine am Bug und Heiri zieht uns mit gut 4 Knoten Richtung Marmaris...

Heiri zieht uns in die Bucht

Ernsti und Clara überwachen den Abschleppvorgang

Clara und Käthe, mit der Vorfreude auf den kommenden Landgang und Badespaß

 

...vorbei an Bade- und Tauchbuchten entspannen wir uns und genießen die 30 Grad, den Wind und die Nachmittagssonne...wir passieren die Engstelle ...hier wäre es wirklich nochmal spannend geworden...der Wind ist unstätig und ändert seine Richtung...wir verdrängen den Gedanken, dass wir 150€ in den Sand gesetzt haben, reden uns ein, dass wir die Engstelle nie gemeistert hätten und freuen uns auf den Hafen....

 Zwei Videos vom Abschleppdienst ...(Video1, Video2)

 

Wir erreichen die Marinas in Marmaris

Um ca. 15 Uhr setzen wir nach einem verrückten Anlegemanöver (5 motorisierte Schlauchboote der Hafencrew helfen uns...vollkommen unnötig, da kaum Wind im Hafen ist) die Füße erneut auf türkisches Festland...eine riesen Last fällt von uns und wir befinden uns, ohne es zu ahnen, in Europas größter Marina und wohl auch in der mit Abstand best ausgerüstetsten (zumindest im Vergleich zu den vielen Marinas die wir bis dato kennengelernt haben)...dazu kommt, dass wir für 900€ einen Dreimonatsvertrag bekommen...damit ist der Druck erst mal raus und unser Motor kommt in Kürze auf den Seziertisch, während wir mit dem Beiboot die große und wunderschöne Bucht von Marmaris unsicher machen und die nächsten Landurlaube planen....

Rückblickend kann ich sagen, dass dieser Törn uns psychisch, geistig und körperlich bis an und auch über unsere Grenzen gebracht hat. Wir werden diesen fordernden Reiseabschnitt, mit Happy End, nie vergessen.

 

So long Fellows...